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Vision Zero: Wie unfallfreie Mobilität Realität werden kann

Dr. Boris Mergell, board member and Head of the Safety and Motion business area at AUMOVIO

Eine Welt ohne Verkehrsunfälle – ambitioniert, aber nicht unrealistisch.

Dr. Boris Mergell, Vorstandsmitglied und Leiter des Geschäftsbereichs Safety and Motion bei AUMOVIO, erklärt, welche Technologien schon heute Leben retten und was als Nächstes kommt.

Herr Mergell, „Vision Zero“ klingt nach einer idealen Welt. Jedes Jahr sterben noch immer rund 1,19 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Wie kann diese Vision Wirklichkeit werden?

Das ist eine große Aufgabe, die sich nicht im Alleingang lösen lässt. Verkehrssicherheit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der Industrie, Gesetzgeber, Forschungseinrichtungen und Organisationen wie die weltweiten NCAP-Programme (NCAP: New Car Assessment Program) beteiligt sind. Entscheidend ist, ein klares Ziel zu haben und konsequent darauf hinzuarbeiten. Bei AUMOVIO ist „Vision Zero“ fest in unserer Strategie verankert: in unseren Produkten, unseren Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie unseren strategischen Partnerschaften.

Ohne technologische Lösungen sähen die internationalen Unfallstatistiken vermutlich deutlich schlechter aus. Welche Technologien retten heute bereits Leben?

AUMOVIO verfügt über jahrzehntelange Erfahrung darin, Mobilität sicherer zu machen. Auch wenn die Zahl der Verkehrstoten weiterhin hoch ist, konnte sie in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduziert werden. Ein prägendes Beispiel ist das Antiblockiersystem (ABS), das AUMOVIO vor 57 Jahren eingeführt hat. Auf der IAA 1969 in Frankfurt präsentierten wir das ABS erstmals weltweit. Sein Grundprinzip, das Blockieren der Räder bei einer starken Bremsung zu verhindern und damit die Kontrolle über das Fahrzeug zu erhalten, zählt bis heute zu den wichtigsten Innovationen in der Fahrzeugsicherheit, neben Sicherheitsgurten und Airbags.

AUMOVIO hat seitdem zahlreiche Fahrerassistenzsysteme entwickelt. Welches möchten Sie besonders hervorheben?

Die Elektronische Stabilitätskontrolle (ESC) hat eine ähnlich starke Wirkung. Sie verhindert, dass Fahrzeuge in kritischen Situationen ins Schleudern geraten. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel vieler Systeme, etwa Notbremsfunktion, Totwinkelerkennung oder Spurhalteassistenz. Sicherheitsgewinne entstehen durch ihr intelligentes Zusammenwirken. Passive Systeme wie Gurtstraffer arbeiten eng mit aktiven Systemen wie dem Notbremsassistenten zusammen. Es geht immer um eine Wirkungskette: Gefahren erkennen, in Echtzeit entscheiden und sofort handeln.

Es gibt noch einiges zu tun, damit die Vision Zero Wirklichkeit wird: Jedes Jahr sterben rund 1,19 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen – mit Unterschieden zwischen den Regionen.
Es gibt noch einiges zu tun, damit die Vision Zero Wirklichkeit wird: Jedes Jahr sterben rund 1,19 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen – mit Unterschieden zwischen den Regionen.

Können Sie ein Beispiel geben, wie dieses Zusammenspiel in der Praxis funktioniert?

Wie für „Vision Zero“ die Zusammenarbeit aller Beteiligten entscheidend ist, so hängt auch echte Sicherheit vom reibungslosen Zusammenspiel aller verfügbaren Technologien ab. Erkennt ein Frontsensor eine unmittelbare Kollision, werden innerhalb von Millisekunden mehrere Sicherheitsfunktionen aktiviert: Gurtstraffer sichern die Insassen, das Fahrzeug beginnt automatisch zu bremsen, Fenster schließen und Airbags werden auf ihren Einsatz vorbereitet. Lässt sich der Aufprall nicht vermeiden, lösen die Airbags aus.

Trotz dieser Assistenzsysteme kommt es weiterhin zu Unfällen. Welche Technologien haben das größte Potenzial für die Zukunft?

Wir sehen großes Potenzial in der Weiterentwicklung bestehender aktiver und passiver Sicherheitssysteme. Eine höhere Reichweite und Auflösung von Sensoren verbessert beispielsweise die Erkennung deutlich. Gleichzeitig bietet der Schutz besonders gefährdeter Verkehrsteilnehmer – etwa Fußgänger, Radfahrer und Motorradfahrer – erhebliche Chancen. Ein Beispiel ist unser Fußgängerschutzsystem, das bei einem Aufprall die Motorhaube anhebt, um die Schwere möglicher Verletzungen zu reduzieren.

AUMOVIO ist auch für Displaylösungen und Head-Up-Displays bekannt. Warum sind diese Produkte für die Sicherheit relevant?

Weil eine intuitive Interaktion entscheidend ist. Fahrerinnen und Fahrer müssen relevante Informationen schnell und ohne Ablenkung erfassen können. Unser Fokus liegt darauf, Informationen klar und zum richtigen Zeitpunkt bereitzustellen. Konkret bedeutet das: Das Cockpit wird konsequent um die Fahrerin oder den Fahrer herum gestaltet.

Unsere Head-Up-Displays halten den Blick auf der Straße, indem sie Informationen direkt ins Sichtfeld projizieren. Displaylösungen mit integrierten Kameras ermöglichen zudem die kontinuierliche Erkennung von Ablenkung und Müdigkeit. Auch diese Technologien tragen somit zur Vision Zero bei.

Nicht nur klassische Fahrassistenzsysteme, sondern auch Displaylösungen sind ein Beitrag zu mehr Sicherheit, indem sie wichtige Informationen schnell und intuitiv erfassbar machen.
Nicht nur klassische Fahrassistenzsysteme, sondern auch Displaylösungen sind ein Beitrag zu mehr Sicherheit, indem sie wichtige Informationen schnell und intuitiv erfassbar machen.

Viele dieser Fortschritte finden vor allem in entwickelten Märkten statt. In Schwellenländern ist die Lage oft herausfordernder.

Das ist richtig. Unsere interne Unfallforschung zeigt, dass sich Verkehrsmuster von Region zu Region deutlich unterscheiden.

Schwellenmärkte stehen vor ganz eigenen Herausforderungen. In vielen asiatischen Ländern etwa sind Motorradunfälle deutlich häufiger als in Europa oder Nordamerika. Deshalb ist es entscheidend, Sicherheitssysteme gezielt an regionale Anforderungen anzupassen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Wir haben festgestellt, dass ein kompaktes ABS für motorisierte Zweiräder in vielen asiatischen Märkten besonders wirksam ist. Das Spektrum reicht von kostengünstigen Ein-Kanal‑ABS für Einstiegsmotorräder bis hin zu fortschrittlichen Zwei-Kanal‑Systemen für Premium‑Modelle mit vielfältigen Funktionen.

Darüber hinaus verfolgen wir einen modularen und skalierbaren Ansatz. So können wir für jede Region, jede Fahrzeugklasse und jeden Anwendungsfall die passende Lösung anbieten: von unterschiedlichen Ausführungen an Airbag Steuergeräten bis hin zu Notbremsassistenten für den Stadtverkehr.

Was treibt Ihre Arbeit an der Vision Zero letztlich an?

Sicherheit ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Jeder verhinderte Unfall zählt. Technologie kann menschliche Fehler ausgleichen. Sie ist nicht abgelenkt und wird nicht müde.

Unser Ziel ist klar: Wir wollen Mobilität sicherer machen und Menschen weltweit die Sicherheit geben, zuverlässig von A nach B zu kommen.

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